Michael von Brentano
  • 1960 geboren in Augsburg
    1980 – 1983 Ausbildung zum Schreiner
    1984 – 1990 Studium der Bildhauerei bei Prof. Hans Ladner, Akademie der Bildenden Künste, München
    1988 Meisterschüler
    1990 Diplom
    seit 1997 Fachlehrer für Bildhauerei an der Berufsfachschule für Holzbildhauer, Garmisch-Partenkirchen
    Lebt und arbeitet in Seeshaupt
     
    Preise und Residencies
    1990 Debütantenpreis des Kultusministeriums Bayern
    2006 Artist in Residence, Staatliche Majolika Manufaktur Karlsruhe

  • Ausstellungen, Kunst am Bau, Ankäufe im In- und Ausland seit 1989
     
    Einzelausstellungen (Auswahl seit 2000)
     
    2014 „Zwischenwelt“, Ausstellungsreihe nah-fern, Schalterhalle Historischer Bahnhof Starnberg
    „teatrum mundi“, Galleria Graziosa Giger, Leuk-Stadt, Schweiz

    2013 „Eine Installation für die junge Donau“, Museum Biedermann, Donaueschingen
    „teatrum mundi 2003-2013“, Augustinermuseum Rattenberg/Tirol
    „Nordpol-Südpol“, Galerie der Kreissparkasse Ravensburg

    2010 „no ants land“, Artothek Städtische Galerie und Kunstverleih München (mit Christoph Scheuerecker)

    2009 „Still“, Städtische Galerie Ostfildern (mit Daniel Bräg)

    2008 „Entzückend entrückt!“, Stadtmuseum Neuötting
    Galerie Sabine Salome Schwefel, Stuttgart

    2007 „Skulptur und Installation“, Neue Galerie Landshut
    „Sex, Crime and Meditation“, Galerie Sabine Salome Schwefel, Stuttgart (mit Bernadette Wolbring und Christoph Valentien)

    2006 „Stille Idylle“, Städtische Galerie Villingen-Schwenningen
    „Stille Idylle“, Stadtmuseum Penzberg und Meierhof, Kloster Benediktbeuern
    „Arbeiten aus den Majolika-Ateliers“,Galerie der Staatlichen Majolika Manufaktur Karlsruhe (mit Pavel Schmidt und Thaddäus Hüppi)
    „Tage mit erhöhter Schwerkraft“, Galerie Markt Bruckmühl (mit Christoph Scheuerecker)

    2004 „DIL“, Galerie Forum, Usingen (mit Herbert Nauderer)

    2002 „Schattenrisse“, Installation und Fotografie, Galleria Graziosa Giger, Leuk-Stadt, Schweiz

    2001 „Unter der Oberfläche“, Galerie im Foyer, Bezirk Oberbayern, München

    2000 „Atem“, Kunst im Kirchenraum, Mönchengladbach
    „Das Lager des Bildhauers“, Installation und Zeichnung, Orplid in Solln, München
    „basislager zwei“, Umweltbundesamt Berlin (mit Juliane Stiegele)

     


    Gruppenausstellungen (Auswahl seit 2001)
     
    2016 „Der zweite Blick“, Die Sammlung Broska, Kunsthaus Wiesbaden

    2012 „Kunst - und Wunderkammer Revisited“, Große Rathausgalerie Landshut

    2011 "The Nightingale and the Rose-Oriental Dreams", Rathausgalerie / Kunsthalle München (mit Moje Assefjah, Shirin Damerji,Claudia Djabbari, Manfred Erjautz)

    2008 „12 im Focus“, Städtische Galerie Rosenheim

    2007 „Wunder über Wunder“, Kunsthalle Erfurt
    „Neue Künstlerkeramik“, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Museum beim Markt

    2005 „Tallinn – München – München – Tallinn“, 12 Künstler aus Bayern, Kunsthalle Tallinn, Estland

    2001 „Gästeliste“, Künstler der Künstlervereinigung Fürstenfeldbruck und ihre Gäste, Kulturwerkstatt Haus 10, Fürstenfeldbruck

     


    Kunst im öffentlichen Raum / Kunst am Bau (Auswahl seit 2004)
     
    2016 „Wasserträger“, Frischwasserbrunnen Stadtplatz Penzberg

    2014 „Ave Maria“, Skulpturenweg Leuk, Schweiz

    2012 „Kristallwand“, Kunst am Bau/ Neubau Kooperationseinrichtung und Kindertagesstätte Am Kiefernwald, München

    2011 „Topographie: Werdenfelser Land“, Kunst am Bau/ Neues Finanzamt Garmisch-Partenkirchen

    2010 „Die Verweildauer von Augenblicken sollte nicht eingeschränkt werden“, garten-Kunstsommer 2010, Wiesbaden

    2009 Wettbewerb „Neue Mitte Rietheim“, 1.Preis
    Wettbewerb "Neue Innenstadtgestaltung Penzberg

    2008 „mal hier, mal da“, Landesgartenschau Neu-Ulm
    Geumgang Nature Art Biennale, Kong-Ju, Südkorea
    „Zweitausendneunhundertzweiundzwanzig Meter Unterschied“, "einhalten U8",U-Bahnhof Gesundbrunnen, Berlin

    2007 „International Nature Art Forum“, Licherode
    Wettbewerb „Quivid“ Kunst am Bau, Erweiterungsbau Gisela-Gymnasium, München

    2005 Atelier in der Staatlichen Majolika Manufaktur Karlsruhe

    2004 „Mein Herz, Du bist so zerbrechlich, wie die Blüten der Rosen!“, Landesgartenschau Burghausen, Städtisches Krankenhaus Burghausen

     


    Ankäufe/ Sammlungen
     
      Krankenhaus Maria Hilf, Mönchengladbach
    Sammlung Suter-Pongratz, Basel
    Sammlung Haisch, Icking
    Stadt Burghausen
    Städtische Galerie Villingen-Schwenningen
    Museum Biedermann , Donaueschingen
    Sammlung Bardutzky /cab GmbH, Karlsruhe
    Badisches Landesmuseum Karlsruhe
    Stadt Wiesbaden
    Sammlung Broska Wiesbaden
    Artothek München
    Kreissparkasse Ravensburg

  • Bücher und Kataloge

    Heißerer,Dirk
    in: „Michael von Brentano“, Katalog zur Debütantenausstellung, München, 1990

    Stark,Johannes
    in: „Geschundene Körper“, Hrsg. Christoph Simonsen, Mönchengladbach, 1994

    Heider,Andreas
    in: „Fundorte - luoghi“, Edition Suter – Pongratz, Basel, 1997

    Heider,Andreas
    in: „Grenzpunkte - Eine Rauminstallation für die Würm“, Hrsg.: Gemeinde Krailling,1998

    Jooss,Birgit
    in: Berg 2001, Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins Bd. 125 , Erlaufene Landschaften, Seite 276 – 283, Hrsg.: Deutscher Alpenverein, ISBN 3-928777-71-8, 2001

    „Unter der Oberfläche“
    Eine Installation mit Fundstücken einer Ausgrabung bei Vagen, Hrsg.: Bezirk Oberbayern, München, 2001

    Martin,Christoph-Alois
    in: „Schattenrisse“, Edition Galleria Graziosa Giger, Leuk-Stadt, Schweiz,
    ISBN 3-9522626-0-9, 2002

    Schütz,Heinz
    in: „Tallinn – München . München – Tallinn“, Seite 16, Hrsg.: Klaus Luft Stiftung, München, 2005

    Warning,Wilhelm; Hirsch,Stefan; Geiger,Gisela
    in: „Stille Idylle“, Hrsg. Wendelin Renn, Villingen – Schwenningen, ISBN 3-927987-95-6, 2006

    Bode,Irina und Figiel,Joanna Flawia
    in: „Neue Künstlerkeramik aus der Karlsruher Majolika Manufaktur“, Seite 18, Hrsg.: Badisches Landesmuseum Karlsruhe, ISBN 978-3-937345-21-5, 2007

    Schierz,Kai Uwe
    in: „Wunder über Wunder“, Seite 110 – 112, Hrsg.: Kai Uwe Schierz, Kunsthalle Erfurt,
    ISBN 978-3-86678-115-3, 2007

    Rönnau,Jens
    in: Kunstforum international, Bd. 195, Seite 256 – 271, „Biennalen in Korea“, 2008

    Cohn,Terri
    in:  „Artist´s Response: Portraits and Self-Portraits“, Seite 9, 2010

    Sojyitrawalla,Shirin und Hoet,Jan
    in „garten – kunstsommer 2010", Seite 8 – 13, 2010

    Rönnau,Jens
    in: Kunstforum international, Bd. 204, Seite 306 – 308, "Wiesbadener Kunstsommer", 2010

    Pfammatter,Christine
    in: „Skulpturenweg Leuk“, Seite 17 – 22 und 44, Edition Galleria Graziosa Giger, Leuk, ISBN 978-3-9522626-3-4, 2015


    Film und Hörfunk

    „Heimatwelten. Der schöne Schein“
    Buch und Regie: Sybille Krafft, Dokumentarfilm, Bayerischer Rundfunk, 2000

    „Alpenblick und Spurensuche - Wo Heimat und Kunst zusammentreffen“
    von Wilhelm Warning, Bayerisches Feuilleton, Bayerischer Rundfunk, 2011
  • Wilhelm Warning
    „Zwischenwelt“, Schalterhalle im Historischen Bahnhof Starnberg am See, 2014

    Ich freue mich hier im alten Starnberger Bahnhof zu Ihnen zu sprechen. Nicht weil ich Jahre meiner Kindheit im Würmtal verbrachte und hier und da auch hier umstieg in die Vorortzüge. Sondern weil auch und gerade im Blick auf die Arbeit von Michael von Brentano ein ehemaliges Bahnhofsgebäude ein besonderer Ort ist. Einer, und das ist eine Binsenweisheit, für Ankunft und Abfahrt steht, für Bewegung, für Reisen, für Veränderung, für Veränderung und verfließende Zeit, eben auch und gerade im übertragenen, metaphorischen Sinn. Bis heute träume ich in bestimmten Übergangssituationen von Ankünften und Abfahrten in Bahnhöfen. Tatsächlich waren historisch Schienennetz und Bahnhöfe im 19. Jahrhundert Anlass, gleiche Zeitzonen zu verabreden, nach denen die Fahrpläne gestaltet wurden. Also Quelle unserer modernen Zeitmessung, die nicht mehr ist als eine Übereinkunft. Denn was Zeit, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft tatsächlich definiert, kann man bis heute nicht genau definieren. Noch immer gilt, was Kirchenvater Augustinus einst formulierte, der berühmte nordafrikanische Theologe, der von 354 bis 430 lebte. Er antwortet auf die von ihm selbst gestellte Frage „Was also ist die Zeit?“: “Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es. Wenn ich es aber jemand auf seine Frage hin erklären möchte, so weiß ich es nicht.
    Das jedoch kann ich zuversichtlich sagen:
    Ich weiß, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüber ginge. Keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie sind nun aber jene beiden Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist?“
    Soweit die Frage, die Augustinus stellt, und die bis heute keine eindeutige Antwort findet, sieht man ab vom gegenwärtigen Augenblick.
    Wir sind, meine Damen und Herren, längst schon mitten in der komplexen Arbeit, die Micheal von Brentano hier ausgebreitet hat. Denn eben diese Installation mit ihren vielen visuellen Ebenen, ihren sinnlichen Botschaften, ihren Erzählungen, Anmutungen, miteinander verknüpften Gedankensträngen stellt auch genau diese Frage nach der Zeit. Nach der Sichtbarkeit der Zeit, dem Vergänglichen, oder dem, von dem wir meinen, es sei vergangen. Oder dem Zukünftigen. Wie dieser Bahnhof als Bahnhof in seiner Funktion vergangen ist, aber eben doch noch existiert und existieren wird. Niemand steigt hier mehr ein oder aus oder gar um. Und doch kündet diese Brentanosche Kunst von alten und neuen Ordnungen, von Orientierungen, von tastend gesuchter Erkenntnis und lädt ein zu einer visuellen Entdeckungsreise im Halbdunkel zwischen Schein und Sein, zwischen Wasser und Luft, Erde und Himmel, Stillstand und Bewegung, Zwei- und Dreidimensionalität. Sie sehen, schon wieder bemühe ich die Metapher des Reisens, der Bewegung in ein anderes Terrain, passend zum Bahnhof. Aber wer sich vertieft in dieses ungewöhnliche poetische Zusammenspiel fremdartig scheinender und doch vertrauter Elemente, folgt Michael von Brentano in seine Kunst- und Wunderkammer, die er hier aufgebaut hat. Entdeckt in der Luft, was doch eigentlich tief im Wasser zu Hause ist. Dieser merkwürdigen Skulptur, mit der der Künstler einen Quastenflosser, einen Hohlstachler nachgebildet hat. Allein der Name ist Poesie: Quastenflosser, Hohlstachler. Und steht doch für ein Lebewesen, dass es vor über 400 Millionen Jahren schon gab, und bis heute gibt. Was bis in die dreißiger Jahre unbekannt war, denn man hielt diesen fossilen Fisch für längst schon ausgestorben, dachte, am Ende der Kreidezeit sei auch das Ende dieser Lebensart besiegelt gewesen. Aber 1938 landete so ein Quastenflosser im Netz eines Fischers, der die Wissenschaft verständigte, die dann Mitte der 50er Jahre entdeckte, dass die Bewohner der Komoren diesen wunderlichen Fisch immer schon kannten. Was für eine Entdeckungsgeschichte. Und was für unvorstellbare Zeitspannen. Zumal dieses Tier zumindest dem Lungenfisch nah verwandt ist, dem Vorfahr der Landwirbeltiere und damit, pardon, der Menschen.

    Es liegt nah, angesichts dieses Ur-Lebewesens die Frage nach der Relativität aller Zeit zu stellen: Jemand hat ein langes Leben. Ein historisches Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert empfinden wir als alt. Die biblischen Psalmen entstanden vor 3000 Jahren. Sind sie prähistorisch? Also vorzeitlich? Was bedeutet „vor-zeitlich“? Wann beginnt die Zeit?

    Michael von Brentano stößt uns auf diese Frage, denn sein Quastentier ist eine Nachbildung, freilich keine mit Anspruch auf exaktes Abbild, im Gegenteil, verfremdet, eine Plastik aus Plastik, aus Epoxydharz, braun und glänzend, und in der Luft schwebend statt im dunklen Ozean tauchend. Dazu verkehrt der Künstler die Welt, hebt nach oben ins Sichtbare, in die Luft, was doch Jahrmillionen in der Tiefe der Wässer verborgen sich fortbewegte, übrigens in einem schwimmendem Kreuzgang, also einer Art des Gehens auf muskulösen Quastenflossen.
    Mithin hier vor uns eine künstlerisch distanzierte Anspielung auf die Evolution? Vielleicht. Auch hier lässt Michael von Brentano Antwort und Deutung offen. Anders ausgedrückt: er lässt dem Werk sein Geheimnis. Genauer: der Geschichte ihres. Wieder sind wir bei der Zeit, denn nur in ihr ist Geschichte möglich. Historisches entsteht erst aus dem menschlichen Bewusstsein des Verfließens von Zeit. Zugleich relativiert der Künstler die Ehrfurcht vor dem Uralten, Prähistorischen, angesichts dessen man an ein mythisches Fabelwesen denken könnte, einem verkleinerten Jonas-Walfisch, der den Propheten verschlang und ihn in der düsteren Höhle seines urzeitlichen Leibes barg, um ihn wieder auszuspeien. Eine zweite Geburt aus der Höhle und dem Wasser, aus dem alles Leben kommt, und, wir sind wieder beim Bahnhof, ein Durchgang in ein anderes Leben. Und damit bei Erde und Wasser, Feuer und Licht. Das Wasser, hier aufgefangen in den geheimnisvoll schimmernden Glas- Und Bleikristallvasen, Wasser in Gefäßen, die aus geschmolzener Erdmaterie bestehen. Wiederum gezeigt ohne Pathos. Kein Gedanke an „Vasa Sacra“, also heilige Kelche, Altargerät, worauf der Titel der Arbeit „Handreliquiar“ deuten könnte, sondern eine weitere poetische Zusammenstellung aus billigem Pressglas, industriell hergestellt und anderen Blumenvasen, die alle der Zierde dienen. Aber doch auch Wasser bergen, das den geschnittenen Pflanzen noch einige Tage Lebenskraft verleiht. Wieder Zeit und Vergänglichkeit: „Wie Gras auf dem Felde sind Menschen. Dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage gehn wir verkleidet einher!“ dichtet Matthias Claudius ganz im biblischen Sinn.
    Was Michael von Brentano uns hier vor Augen führt, genauer: Das träumerische Reich, in das er uns führt, hat viel von jenen klassischen Stillleben, die den Betrachtenden die Vergänglichkeit alles Sein vor Augen führen: Todesnähe und Lebensintensität, Stillstand und Wandel, Sein und Schein. Kommen hier noch drei Frauen, drei Tänzerinnen dazu, projiziert auf den Boden, sich geradezu rituell bewegend, im Tempeltanz, Flamenco und Hip Hop als eben Bewegung in Raum und Zeit, als Signal und in merkwürdig ähnlichen Haltungen und Gesten. Vorstellbar, dass Beschwörendes einfließt, wie man in frühen Höhlenzeichnungen Fruchtbarkeitszauber oder schamanische Jagdzeremonien vermutet, die auch im Dunkel der Erde blieben, wenn die Höhlen nicht erleuchtet wurden.
    Der Künstler lässt die Antwort offen, und ein Hauch befreiender Ironie schwingt mit durch den Raum, die die Schwere nimmt, die elegant an Wissenschaft erinnert angesichts vorwissenschaftlicher Mythen, aber weder das eine noch das andere verrät oder gegeneinander ausspielt. Bleiben noch Licht und Schatten, Spiele auf dem Boden, an der Wand, erneut poetisch, diesmal mit der Bewegung, der Farbe, dem Film, kurz den Schattenbildern und erneut ein großes Thema in der Kunst wie in der Philosophie.
    Zu weit müsste ich ausholen, und ihre Geduld immer weiter strapazieren, um nur annähernd die Tiefen zu ergründen und zu zeigen, die im Thema Schatten verborgen sind. Nur so viel: Nicht von ungefähr nannten Indianer die Photographen Schattenräuber, weil sie glaubten, dass ihnen mit den Schatten die Seele geraubt würde, ihr eigentliches Sein. Und denken sie – ist das Geschichte oder Vorgeschichte? - nur an die Unterwelt der Antike, das Schattenreich, dem mit dem Fluss Lethe das ewige Vergessen zu eigen war, und an Charon, den Fährmann über den Styx, der die Verstorbenen hinüberbrachte von der Zeit, dem Leben mit der Veränderung, in die Nichtzeit, in das Unveränderliche.
    Bleibt der Bahnhof. Die Zwischen- oder Endstation in der Zeit. Ein guter Platz für diese Installation namens „Handreliquiar“. Dieser Ausdruck bezeichnet die unverwesliche Hand eines heiligen Menschen. Sie, wie alle anderen Reliquien, verkörpern das Heilige an sich und sind deshalb aus aller Geschichtlichkeit gehoben und in ihrer Wirkkraft stete Gegenwart, weil Gott als Inbegriff des Heiligen anfangs- und endlos jenseits aller Zeit ist. Um auf Augustinus zurück zu kommen: Der gegenwärtige Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft ist der Berührungspunkt zur Ewigkeit.
  • Stefan Hirsch
    „Still“, Städtische Galerie Ostfildern, 2009

    Die künstliche, nichtnatürliche Natur als auch die „Künstlichkeit der Natur“, das große Thema von Michael von Brentano, der es übrigens in seiner früheren Foto-Selbstportraitreihe „Dialog mit einem ausgestopften Huhn“ entsprechend ironisiert hat, weist uns also letztlich in die Zeit der gewaltigen geistigen Umbrüche vom Spätmittelalter zu den Wunder- und Naturalienkammern der Renaissance zurück, in alchemistische Laboratorien, die mit der Entdeckung des Periodensystems obsolet geworden waren, in die Welt der Kabinettssammlungen und Präparate, in die Technik-und Wissenschafts-Euphorie des 19. Jahrhunderts, die fest davon überzeugt war, die Natur durch Schwerindustrie, Forschung und Entwicklung endgültig und unwiderruflich in den Griff zu bekommen. Und natürlich lässt uns die Künstlichkeit der Natur als Thema auch an kunstgeschichtliche Besonderheiten wie die allenthalben in Klöstern in Zeiten der Aufklärung angelegten Holzbibliotheken, etwa die des Candid Huber in Ebersberg, denken.

    Die Affinität des Künstlers zur „natura morta“ ist dennoch keine reine Freude am Lustmorden von „natura viva“, vielmehr scheint sie dialogisches Prinzip zu sein, um aus der Distanz ihres Gegenteils, der buchstäblichen Auseinandersetzung mit und von der Natur, auf quasi höherer Erkenntnisebene wiederum eine Annäherung, vielleicht sogar eine Ineins-Setzung mit der Natur rückzugewinnen.

    Geht man tiefer, gewinnt man den Eindruck, dass sich hinter dem "Kitschmacher" letztlich ein hochsensibler Künstler verbirgt, der von der Herauslösung der Zivilisation aus dem Naturzusammenhang zutiefst betroffen und verletzt ist und diese Verletzbarkeit hinter einer feinen Ironie und einer ebenso feinen gestalterischen Kunsthülle schützt.
  • Kai Uwe Schierz
    „Wunder gibt es immer wieder“, 2007

    Die künstlerische Arbeit Michael von Brentanos mit tradierten Begriffen wie Bildhauerei, Objektkunst oder Konzeptkunst zu umschreiben, ist unmöglich. Denn sein bisher entwickeltes Werk hat von all dem etwas und bildet im Ergebnis doch kein Potpourri. Er beginnt zumeist als Spurensucher und Sammler; das heißt, mit einem genauen Blick, der sich der üblichen Stereotype zu enthal­ten sucht, nähert er sich Naturalien und Artefakten mitsamt dem komplexen Netzwerk aus natur- und kulturhistorischen Bezügen, die sie für einen Beobachter heute aufweisen. Doch nicht etwa, um sie nach soziologischen, historischen und ästhetischen Kategorien zu katalogisieren, sondern, um sie mit neuen, meist ambivalenten Assoziationen zu versehen, die sein Verhältnis zu diesen Dingen mehr oder weniger bewusst vergegenständlichen. Er zitiert damit gleichsam eine auf dem Analogiedenken basierende Form der Anschauung und Hermeneutik, wie wir sie in den Objekten und Zuordnungen der fürstlichen Kunst- und Wunderkammern vorge­bildet finden. Das Staunen ist die Voraussetzung, das Eingangs­motiv seiner Arbeit, es bildet ihren zentralen Gegenstand und zugleich eine adäquate Haltung in der Rezeption.
    Anschaulich wird das Gesagte, wenn man es auf eines seiner Themenfelder bezieht: In unserem Zusammenhang ist es das Herz. Damit haben wir ein Organ bzw. Objekt mit einem denkbar weiten Bedeutungs- und Assoziationsfeld, das von der Medizin (Pumpe für den Blutkreislauf) über die Psychologie und Philoso­phie (Sitz der Seele, Emotionen, der Liebe etc.) bis zur Religion (Blutopfer, Herz-Jesu-Frömmigkeit, Votivgabe) reiche Früchte trägt. Nicht zufällig ist das Herz als Symbol eng verwandt mit der Blüte, vor allem der Rose. Arbeiten wie „Als wüsstest du alles" und „Wunder gibt es immer wieder" beziehen ihre suggestive und zugleich sentimentale Wirkung aus der Collage beider Symbolobjekte. Bildhauerisch betont Michael von Brentano das Gefäßartige unseres Begriffs vom Herzen über anatomische Dehnungen, eine vertikale Aufrichtung und die Ausbildung eines Fußes. Ansätze an diese Form können in Richtung auf Arterien und Venen, aber auch als Gefäßausgüsse gedeutet werden, wobei die formale Variation dieser Ansätze in der Arbeit „Wunder gibt es immer wieder" die Assoziation für einen kunsthistorisch geschulten Blick unweigerlich in Richtung „Madonna mit Kind" und „Schöne Madonna" weiter treibt. Die Ummantelung der Körper mit Seidenblumen, im Falle der größeren Arbeit Seidenrosen, ruft ebenfalls bestimmte Assoziationen auf: ein ambivalentes Spannungsgefüge zwischen Naturschönem, Devotion, Sakralisierung und Kitsch. Die Glashaube über dem Objekt und der Titel „Wunder gibt es immer wieder" verstärken zusätzlich den Eindruck, es mit einem Objekt der religiösen Verehrung zu tun zu haben. Unter Glashauben befinden sich auch die intensiv rot eingefärbten Naturschwämme der Arbeit „Die Perlen". Die Hauben schirmen ab und erheben die Objekte aus ihren alltäglich-banalen Bezügen. Sie sakralisieren sie gleich­sam, indem sie dem Gegenstand unseres Staunens (darauf zielt die Bearbeitung Michael von Brentanos) eine eigene Sphäre zuweisen, das Fanum vom Profanum abtrennen. Nicht zuletzt denkt man bei einer solchen Präsentationsform an ein Reliquiar oder eine Monstranz. Hier wie da geht es um die wundersame Auf­ladung der Objektwirkung durch die Zuordnung von Bedeutung, die einer wirklichen Verwandlung gleichkommt, geht es um visuel­le Strategien, die bedeutsame Präsenz gewisser Objekte in Formen der ästhetischen Steigerung (im „Kostbarmachen") zu veranschaulichen. Eine derart schillernde Sonderexistenz ist tatsächlich selten, kostbar, vollkommen, wunderbar - nicht umsonst richten sich unser Staunen und unsere Sehnsüchte unausrottbar auf sie.
    In diesem Sinne scheint es vorprogrammiert: Wunder gibt es immer wieder.